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Die Stadtverwaltung Dessau schrieb im März 1929 einen Wettbewerb für eine neue Ausflugsgaststätte am Elbebogen aus. Bereits seit Anfang des
20. Jahrhunderts hatte hier eine kleine Schankwirtschaft gestanden, deren Name „Kornhaus“ von den dort im 18. Jahrhundert befindlichen Getreidespeichern abgeleitet war. Das alte Kornhaus wurde 1926
abgerissen.
Im Ergebnis des Wettbewerbs erhielt der Architekt Carl Fieger den Auftrag für den Neubau. Fieger erzielte mit seinen Entwurf, den er gemeinsam
mit Hermann Baethe eingereicht hatte, zwar nur einen Ankauf, doch die geringeren Baukosten gegenüber den Mitbewerbern gaben wohl den Ausschlag für den Realisierungsauftrag.
Fieger, 1893 in Mainz geboren, arbeitete vor dem I. Weltkrieg im Atelier von Peter Behrens und war hier u.a. an der Inneneinrichtung für den Neubau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg
beteiligt. Anfang der 1920er Jahre wechselte er in das Bauatelier von Walter Gropius nach Weimar. Als dieser 1925 mit dem Bauhaus nach Dessau übersiedelte, arbeitete Fieger an den Entwürfen für das
Bauhausgebäude und die Meisterhaussiedlung mit. Später folgte er Gropius nach Berlin.
Vermutlich Ende 1929 wurde mit den Bauarbeiten für die neue Ausflugsgaststätte begonnen. Fieger hatte seinen ursprünglichen Entwurf
überarbeitet und das Gebäude harmonisch in die bestehende Wallanlage eingepasst. Nach vorn zur Straße präsentierte sich das Kornhaus im Untergeschoss mit Bierhalle, Garderobe und Sozialräumen als
zweigeschossiger Bau, während sich nach hinten ein eingeschossiges Restaurant mit angrenzendem Tanzsaal elbseitig zu einer großen Terrasse öffnete. Am markantesten aber ist die fast einen Vollkreis
beschreibende gläserne Veranda, die auf der Westseite die Terrasse begrenzt und fast aus dem Gebäude herauszuschweben scheint.
Finanziert wurde das wegen seiner Lage einmalige Gebäude von der damals in Dessau ansässigen Schultheis-Patzenhofer Brauerei. Die feierliche
Eröffnung fand am 06. Juni 1930 statt. Das Kornhaus entwickelte sich schnell zu einer beliebten Ausflugsgaststätte, die einschließlich des Terrassen- und angrenzenden Biergartenbetriebes 2.000 (!) Gäste
aufnehmen konnte.
Den II. Weltkrieg überstand das Kornhaus unbeschadet und war auch später zu HO-Zeiten (staatlich Handelsorganisation der damaligen DDR) ein
beliebtes Ausflugslokal.
Zwischen 1994 und 1996 wurde das Gebäude unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten saniert und viele, während der langjährigen Nutzung
verloren gegangene Details, wie die eingebauten Rücktresen, die verschiedenen Leuchten und die historischen Beschläge, sorgfältig wieder hergestellt.
Seit 1996 betreibt das Ehepaar Roswitha und Ulrich Heilmann das Restaurant Kornhaus in einem an die Entstehungszeit angelehnten Ambiente. Wer
einmal bei einem guten Glas Wein auf der Kornhaus-Terrasse sitzend einen Sonnenuntergang am Ufer der Elbe erlebt hat, weiß wie genial Carl Fieger hier Architektur und Landschaft miteinander verschmolzen
hat.
Das Kornhaus gilt heute gemeinsam mit dem 1927 in der Siedlung Törten entstandenen Wohnhaus von Carl Fieger als das Hauptwerk des Architekten, der 1960 in Dessau verstarb.
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