|
Das Stahlhaus entstand Ende 1926 am Rande der Siedlung Törten in der heutigen Grenzstraße. Der
Entwurf stammte von Georg Muche und dem jungen Architekten Richard Paulick. Muche, eigentlich
Maler, hatte sich bereits 1923 am Bauhaus in Weimar als Architekt hervorgetan und den Entwurf für das Versuchshaus zur großen Bauhausausstellung geliefert. Mit dem Stahlhausentwurf wollte er eigentlich
seine Ideen eines mit der Familiengröße wachsenden Hauses verwirklichen. Dies konnte letztlich aber nicht umgesetzt werden, weil ein teures Spezialprofil erforderlich gewesen wäre, deren Herstellung für
ein einzelnes Haus wirtschaftlich nicht vertretbar war. So beschränkten sich Muche und Paulick auf die konstruktiven Möglichkeiten die der damalige Stahltafelbau bot.
Der Entwurf geht von zwei aneinanderstehenden unterschiedlich hohen Kuben aus, deren äußere
Gestalt durch raumhohe Fenster und eine vertikale konstruktionsbedingte Gliederung unterstrichen wird.
Die Konstruktion basiert auf dem Fertigungsprinzip der Leipziger Tresorbauanstalt Carl Kästner,
die für die gesamte Herstellung verantwortlich zeichnete. Sie besteht aus senkrechten, im Abstand von 1,5 Metern im Fundament eingespannten Doppel-T-Profilen, auf die 3 Millimeter starke
Siemens-Martin-Stahltafeln mittels einer speziellen Klemmschiene als Außenwand verspannt wurden. Die Stahltafenl waren bereits vorgefertigt und erhielten alle notwendigen Aussparungen für die Türen und
Fenster. Diese wurden dann ebenfalls vor Ort montiert. Durch das hohe Maß an Vorfertigung war die Montage in wenigen Tagen erledigt, ein wesentlicher Vorteil der Stahlhäuser.
Als innere Außenwand wurden Gipsschlacke-Dielen vor die Stahltafeln gesetzt. Eine Luftschicht und
Torfoleumplatten (gepresster Torf) sorgten für eine entsprechende Wärmedämmung. Das Flachdach bestand aus Hohllochdielen und war mit Dachpappe eingedeckt.
Auf einer Grundfläche von ca. 80 Quadratmetern hatte der hohen Kubus ein Wohn- und ein Schlafraum,
der L-förmige niedrigeren Gebäudeteil zwei weitere Schlafräume, die Küche, die Toilette, eine Speisekammer und ein Waschraum. Auf der Straßenseite befand sich ein Kohlenschuppen, der nur von außen
zugänglich war.
Gropius hatte nach anfänglich ablehnender Haltung dem Projekt dann doch zugestimmt und das
Baugrundstück durch Verzicht auf zwei Reihenhäusern im 1. Bauabschnitt der Siedlung Törten zur Verfügung gestellt. Das Haus wurde im Frühjahr 1927 fertiggestellt, aber erst 1929 fand sich ein Käufer.
Bereits ab 1932 begannen erste Umbauarbeiten und in den folgenden Jahrzehnten entstanden verschiedene Anbauten. Diese wurden größtenteils 1976 bei einer ersten Sanierung entfernt.
Bis 1988 wurde das Stahlhaus von verschiedenen Familien als Wohnhaus genutzt, bevor es im November
1988 von der Institution Bauhaus Dessau, der heutigen Stiftung Bauhaus Dessau, erworben wurde. In den Jahren 1992 und 1993 konnte das Stahlhaus denkmalgerecht saniert werden und verschiedene in den
Jahren verlorengegangene Details wurden rekonstruiert. Das äußere Erscheinungsbild konnte nahezu identisch wieder hergestellt werden. Lediglich bei der Raumaufteilung wurden kleinere Kompromisse an die
heutige Nutzung gemacht.
Heute ist das Stahlhaus vor allem ein Informationszentrum zur Geschichte der Gropius-Siedlung und
Ausgangspunkt von Führungen.
Bauhistorisch ist es das einzige Stahlhaus im Stil des Neuen Bauens, was in Deutschland noch
existiert. Bei den zahlreichen anderen Stahlhäusern, z.T. entstanden in den späten 1920er Jahren in Deutschland ganze Siedlungen, war man von Anfang an bemüht, den „Ersatzbaustoff“ Stahl durch ein
traditionelles Aussehen zu kaschieren. Mit Satteldach oder Krüppelwalm waren sie von Steinhaus-Siedlungen kaum zu unterscheiden.
|